Radtouren-Logbuch

Von der kurzen Trainingsfahrt bis zur großen Radreise.

Archiv für August 1993

Wien Südbahnhof – Baden

25. August 1993

Sechs Tage später trafen wir einander in der Halle des Wiener Südbahnhofes. Solange hatte es gedauert, bis ich auf meine telefonischen Anfragen, ob denn unsere Räder schon da wären, eine positive Antwort bekommen hatte. Gespannt nahmen wir unsere Räder in Empfang. Die sichtbaren Schäden hielten sich in Grenzen. Mein Lenker war etwas verdreht, der Aeroaufsatz einigermaßen zerschunden und das Lenkerband beschädigt. Man ist ja selber schuld, wenn man so sperrige Dinge an sein Rad schraubt. Gleiches galt wohl für Alex’ Rücklicht. Die üblichen Lackschäden sind ja gar nicht der Rede wert. Nach dem Betrachten der bereits entwickelten Fotos trennten wir uns wieder. Natürlich fuhr ich die Strecke bis Baden mit dem Fahrrad.

Distanz: 26 km

Heimfahrt 2. Tag

19. August 1993

Um 5 Uhr 40 weckte uns ein anderer Schaffner und wollte die Tickets sehen, die ihn dann ziemlich zur Verzweiflung trieben. Er sprach zwar nur italienisch, was keiner von uns verstand, aber wir entnahmen seinen Ausführungen, daß wir in Mestre umsteigen hätten sollen. In seiner Hilflosigkeit schickte er uns seinen Chef, welcher uns dann erklärte, daß wir in Monfalcone aussteigen und von dort nach Udine fahren sollen, was uns wieder auf unsere ursprüngliche Route bringen würde. Das taten wir dann auch. Der Zug, den wir in Monfalcone bestiegen, hatte einen Kurswagen nach Wien. Die weitere Fahrt verlief weitgehend planmäßig.

Heimfahrt 1. Tag

18. August 1993

San Remo

Der Campingplatz gefiel uns nicht besonders. Nach zwei Wochen in den Alpen machte uns auch die Hitze auf Meeresniveau etwas zu schaffen. Die Cote d’Azur war nicht unbedingt mein Fall. Das eigentliche Ziel waren ja auch mehr die Alpenpässe. All dies waren die Gründe, die uns bewogen die Heimfahrt anzutreten. Wäre die Wohnung in Monaco frei gewesen, wären wir wahrscheinlich noch ein paar Tage länger geblieben. So aber machte ich mich auf die Suche nach dem Bahnhof, während meine Freunde wieder zum Strand fuhren. Ich erkundigte mich nach den Preisen für die Bahnfahrt und den Radtransport und nach der günstigsten Verbindung nach Wien. Die Bahnangestellten bemühten sich, mich zu verstehen und sprachen sogar ein bisschen Englisch. Um die gewünschten Informationen reicher verließ ich den Bahnhof wieder und informierte meine Kollegen. Wir vereinbarten einen Treffpunkt und gingen, je nach Laune oder Notwendigkeit, Schwimmen, Fotografieren, Einkaufen und Geld besorgen. Ich versuchte aus einem französischen Geldautomaten die notwendigen Scheine zu beziehen, was mir erst nach Überwindung einiger Schwierigkeiten gelang. Gemeinsam fuhren wir zum Bahnhof, den wir um 12 Uhr erreichten. Die folgenden Ereignisse möchte ich ausführlich schildern. Die Abfahrtszeit unseres Zuges war 12 Uhr 29. Wir stellten uns beim Schalter an und kamen nach einiger Zeit an die Reihe. Die Bahntickets verkaufte uns der Schalterbeamte noch ohne Probleme. Als wir allerdings die Räder aufgeben wollten, meinte er, daß der Gepäckschalter von 12 bis 15 Uhr Mittagspause habe. Auf die Feststellung, daß dies für einen internationalen Bahnhof lächerlich sei, riet er uns, die Räder in den Regionalzug mitzunehmen und in Vintimille, dem nächsten Ort wo wir umsteigen mußten, zu verschicken. Gut, wir stiegen also mit den Rädern und dem Gepäck in den Zug, der einige Minuten Verspätung hatte. Als wir nach zwei Stationen auf dem Stationsschild nicht Vintimille, sondern Ventimiglia sahen, wußte ich, daß wir Probleme mit den Rädern haben würden. Leider liegt der Grenzbahnhof in Italien und die Italiener transportieren kein Reisegepäck und schon gar keine Fahrräder. Unser Anschlußzug war aufgrund der Verspätung und der Zollkontrolle ohnehin auch schon abgefahren. Christian meinte, daß Fragen ja nichts koste, und versuchte, irgendwelche Informationen über Fahrradtransport zu erhalten. Die Antworten reichten von … closed for Biciclettas … bis … generally impossible … , was sich mit meinen Erwartungen deckte. Da wir uns nicht von unseren Rädern trennen wollten, sahen wir nur eine Möglichkeit. Alex und Karli blieben mit dem gesamten Gepäck in Italien, und Christian und ich fuhren mit vier Fahrrädern im Zug wieder nach Frankreich. Der Zollbeamte wunderte sich zwar, hatte aber nichts dagegen einzuwenden. Wieder in Menton angekommen, gaben wir beim mittlerweile geöffneten Gepäckschalter die Räder auf. Zuerst mußten wir noch warten, bis der Kaffee verteilt war. Das Ausfüllen der Formulare und das Berechnen der zu zahlenden Summe waren hochstehende Aufgaben, bei denen man sich keinen Fehler durch übereiltes Handeln leisten wollte. Beim Zahlen legten wir großen Wert darauf, möglichst alle Münzen los zu werden. Die Fahrräder durften wir noch in Kartons verpacken. Sie sollten über Paris und Deutschland geschickt werden, während wir über Italien heim fuhren. Der Regionalzug zurück nach Ventimiglia hatte gerade so viel Verspätung, daß wir wieder einen Anschluß nach Mailand versäumten. Schließlich verließen wir die französisch-italienische Grenze vier Stunden später als geplant. In Mailand mußten wir ungefähr zweieinhalb Stunden warten. Der Zug nach Tarvisio, den ich im Fahrplancomputer gefunden hatte, erschien auf der Anzeigetafel nur mit der Destination Triest. Wir dachten, daß der Zug wahrscheinlich Kurswagen hat und daß die Richtung ja bis zum Morgen des nächsten Tages in jedem Fall stimmen würde und besetzten das anscheinend letzte freie Abteil. Der Schaffner lochte unsere Tickets ohne jede Kritik. Wir schliefen unerwartet gut.

Fahrrad-Distanz: 9 km

Saint Martin du Var – Menton

17. August 1993

menton agave

Der starke Wind belästigte uns beim Schlafen und mahnte zum frühen Aufbruch. Auf den restlichen 30 km bis Nizza betrug die mittlere Geschwindigkeit 35 km/h. Angesichts des herrschenden Verkehrs waren wir froh, den Großteil der Strecke nachts zurückgelegt zu haben. Es war schwierig, nicht auf die Autobahn zu gelangen. Nizza wollten wir so schnell wie möglich hinter uns lassen und wir fuhren entlang der Küste Richtung Osten. Leider folgten wir dann der Beschilderung nach Monaco, was uns einen unerwarteten Berg mit 300 Höhenmetern bescherte. In Monaco machten wir den entsprechenden Makler ausfindig, erfuhren aber, daß die Wohnung der Tante von Alex gerade nicht frei war. So mußten wir ein anderes Quartier finden. Da Monaco ziemlich überfüllt schien, fuhren wir weiter bis Menton und hofften, dort einen nicht restlos belegten Campingplatz zu finden. In Menton besorgten wir uns erst einmal was zu essen und begaben uns dann an den Strand der Cote d’Azur. Wir ruhten uns aus, schwammen im Meer und schrieben Karten. Am späteren Nachmittag machten wir uns auf die Suche nach dem Campingplatz. Dieser befand sich natürlich wieder auf einem Berg. Wir ergatterten sozusagen die letzten freien Quadratmeter, bauten das Zelt auf und füllten das Gepäck mit Ausnahme der Wertsachen ein. Zum Besorgen des Abendessens fuhren wir noch einmal hinunter in die Ortschaft. Ich war fasziniert von der mediterranen Vegetation. Eine blühende Agave mit einem ohne Übertreibung sechs Meter hohen Blütenstand beeindruckte mich am meisten.

Distanz: 76 km

Guillestre – Saint Martin du Var

16. August 1993

aussicht vom bonette

Die Bank in Guillestre hatte ausnahmsweise am Montag, den 16.8. geschlossen. Ich gebe ja zu, daß sie nicht wissen konnten, daß wir ausgerechnet an dem Tag kommen würden. Nach dem Frühstück von einem Kilogramm Erdbeerjoghurt pro Person begannen wir die Auffahrt auf den Col de Vars. Unten war die Straße noch steil, wurde dann flacher bevor sie in eine Berg- und Talbahn überging um schließlich mit gegen Null tendierender Steigung das Erreichen der Paßhöhe scheinbar endlos hinauszuzögern. Wir waren gerade dabei unsere Pause zu beenden, als die beiden Deutschen den Scheitelpunkt erreichten. Vor der Abfahrt plauderten wir noch eine Weile. Der Straßenbelag des Col de Vars ist mir als schlimmster der gesamten Tour in Erinnerung geblieben. Die extremsten Buckel und Löcher in der Fahrbahn waren meist in nicht einsehbaren Kurven. So macht das Bergabfahren keinen Spaß mehr. In einem schmalen Waldstück neben dem Ubaye kurz vor Jausiers machten wir Mittagspause. Ein letztes Mal kam der Esbitkocher zum Einsatz. In Jausiers beginnt sofort die Steigung auf den Col de Restefond. Dreiundzwanzig Kilometer trennten uns noch vom höchsten Punkt der Tour. Da es unser letzter Paß war, gingen Christian und ich die Sache recht flott an. Wir überholten bald den Züricher, später die beiden Deutschen. Während unserer Mittagspause hatten sie alle uns überholt. Die Steigung bewegte sich zunächst zwischen 8 und 10% und stieg dann bis 12%. Allmählich verengte sich das Tal. Je höher wir kamen, desto öder wurde die Gerölllandschaft. Die halbverfallenen Militärunterkünfte von Restefond hätten im Bedarfsfall als Notquartier dienen können. Die Steigung fiel vor dem Paß unter 8%. Da auf dem Col de Restefond überhaupt nichts los war (nicht einmal eine Tafel), begaben wir uns gleich auf die Schleife um den Geröllkegel des Bonette, den wir schon während der Anfahrt ausgiebig betrachten konnten. Gegen 19 Uhr erreichten wir den mit 2802 m höchsten, für den allgemeinen Verkehr erreichbaren Paß der Alpen. Karli und Alex kamen rund eine halbe Stunde später. Sie waren einen Teil der Steigung gemeinsam mit unseren drei Bekannten gefahren, die es jedoch vorzogen den Col de la Bonette auszulassen und die Abfahrt nach Nizza gleich vom Restefond zu beginnen. So gab es kein gemeinsames Gipfelfoto mit ihnen. Wir ließen uns von einer Touristin vor dem Gedenkstein, der mich an den Hinkelstein von Obelix erinnerte, fotografieren. An der Leitplanke klebten einige Sticker von Rad- und Motorradvereinigungen. Da durfte natürlich auch der Aufkleber unseres lokalen Vereins nicht fehlen. Die kurze Wanderung zur Aussichtswarte namens Cime de la Bonette auf dem Gipfel des Schotterkegels ließen wir uns nicht entgehen. Wenn man von der Warte aus das Panorama betrachtet, hat man den Eindruck, höher zu stehen als alle Gipfel ringsherum. Die tiefstehende Sonne tauchte die gezackten Bergrücken in märchenhaftes Licht. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Mit der Abenddämmerung begannen wir die Abfahrt. Da die Straße wieder recht rumpelig war und die Sicht langsam schlechter wurde, benutzten wir die Bremsen häufiger als auf den letzten Pässen. Als wir St.-Etienne-de-Tinee erreichten, war es finster. Von dort an ging es weiter bergab, jedoch nicht so steil. Diese Tatsache führte gemeinsam mit dem aufkommenden Rückenwind und unserer Euphorie dazu, daß wir noch ungefähr 60 km bis Mitternacht fast ohne jegliche Anstrengung weiterfuhren. Paradoxerweise wurde dadurch die Etappe mit dem höchsten Alpenpaß die längste der Reise. Schade ist nur, daß wir von dem Tal nichts gesehen haben. Dieses war so eng, daß wir Probleme hatten, einen Schlafplatz zu finden. Je länger man einen solchen sucht, desto geringer werden die Ansprüche, die man daran stellt. Durch einen großen Felsblock war ein neuer Tunnel gebaut worden. Die alte Straße hatte den Felsen umfahren und wurde nicht mehr benutzt. Nachdem wir uns dieser Tatsache vergewissert hatten, schliefen wir auf der alten Straße, vor eventuell verirrten Autofahrern durch einen Haufen Bauschutt geschützt.

Distanz: 151 km

Valloire – Guillestre

15. August 1993

Der Col du Galibier ist sozusagen der heilige Berg der französischen Radfahrer. Zunächst wußten wir nicht warum, da es doch zwei höhere Alpenpässe in Frankreich gibt. Noch bevor ich den Paß gänzlich bezwungen hatte, wußte ich warum. Abgesehen von einem Flachstück in der Mitte bewegte sich die Steigung der kurven- und kehrenreichen aber schattenlosen Straße meist zwischen 10 und 12% und diese war damit steiler als die meisten anderen Paßstraßen in Frankreich oder der Schweiz. Geröllhalden wechselten mit Grashängen. Es waren viele Radfahrer unterwegs. Die meisten davon allerdings ohne Gepäck. Bei denen machte das Überholen besonders viel Spaß. In rund eineinhalb Stunden brachten wir die Vormittagsetappe auf den Col du Galibier hinter uns. Die Abfahrt zum Col du Lautaret hatte Gefälle bis 15% zu bieten. Richtung Briancon fuhren wir weiter abwärts. Nach der Ortsdurchfart deckte sich unsere Route einige Kilometer mit der Radstrecke der Triathlon-Europameisterschaft. Jedenfalls stand das auf den Startnummern der Radfahrer, die wir dort überholten. Es wird wohl nicht die A-Garnitur gewesen sein. Nach ihrem Reglement durften die armen Kerle nicht einmal windschattenfahren, was angesichts des herrschenden Gegenwindes doppelt frustrierend gewesen sein muß. Nachmittags braute sich ein Gewitter zusammen. Da wir keine Lust hatten, im Regen zu fahren warteten wir unter einer Pappelgruppe und vertrieben uns die Zeit mit Lesen und Schlafen. Das Gewitter verwandelte sich aber bald in einen Landregen und der machte nicht den Eindruck als wollte er bald versiegen. Daher brachen wir, als der Regen gerade wieder etwas nachgelassen hatte, auf. Natürlich regnete es unmittelbar darauf wieder stärker. In Guillestre checkten wir in der Jugendherberge ein. Nach dem Duschen und dem unvermeidlichen Besuch einer Pizzeria spazierten wir durch den kleinen Ort, der uns irgendwie an die Luis-de-Funes-Filme der Siebzigerjahre erinnerte. An dem Abend wurde ein Volksfest veranstaltet. Das ganze Dorf war auf der Straße und es gab Blasmusik, Rummelplatz und Feuerwerk. In der Jugendherberge lernten wir zwei Deutsche und einen Züricher Radfahrer kennen, welche bis Nizza den gleichen Weg hatten wie wir. Am nächsten Tag trafen wir sie unterwegs noch mehrmals.

Distanz: 85 km

Col de l’Iseran – Valloire

14. August 1993

Wir schliefen gut und lang. Nach einer Abfahrt von etwas mehr als 1000 m kam eine unplanmäßige Steigung. Kurze Zeit später befanden wir uns unvermittelt vor dem Schild Col de la Madeleine, 1746 m. Bei der folgenden Abfahrt waren die letzten vier Kehren vor Lanslebourg extrem breit ausgebaut und überhöht. Man konnte ohne zu bremsen mit fast 60 Sachen durchfahren. Wir folgten dem Tal der Arc und hielten nach Modane Mittagspause. Im Fluß versuchten wir uns und unsere Wäsche wieder ein wenig sauberer zu machen. Bis St.-Michel-de-Maurienne fuhren wir talabwärts. Auf dem letzten Stück hatten wir auch noch starken Rückenwind. Das Tempo varierte zwischen 40 und 70 km/h. Es folgte die Steigung auf den Col du Telegraphe. Vor uns zog ein Gewitter her, aber es war zum Glück schneller. Kurz vor der Paßhöhe sieht man hinunter auf die Ortschaft St.-Michel-de-Maurienne. Das markanteste auf dem Paß ist ein Telegrafenmast, der ihm wohl den Namen gegeben hat. Die Abfahrt nach Valloire war kurz. Bei der Suche nach einer Möglichkeit zum Übernachten erarbeiteten wir uns noch etwa 150 Höhenmeter. Dann zweigten wir zu einer frequentierten Mountainbike-Route ab und fanden einen geeigneten Platz im Wald.

Distanz: 94 km

Pre St. Didier – Col de l’Iseran

13. August 1993

kleiner st bernhard

Der Kleine St. Bernhard Paß war bald erklommen. Oben gab es einige Verwirrung über den Treffpunkt. Es war üblich, daß wir auf der jeweiligen Paßhöhe aufeinander warteten. In diesem Fall war der höchste Punkt jedoch nicht eindeutig zu eruieren. Auf der italienischen Seite gab es eine Tafel mit der Aufschrift Piccolo San Bernardo 2188 m, die ich jedoch übersehen hatte. Daher fuhr ich über die Grenze nach Frankreich und wartete bei der Tafel Col du Petit-St.Bernard, Altitude 2188. Alex und Christian trafen bald bei mir ein. Karli ließ sich aber nicht blicken. Er wartete auf der italienischen Seite und dachte, wir wären vielleicht zum nahen Bergsee abgezweigt oder Ansichtskarten kaufen gegangen und mußten ja irgendwann bei der Paßhöhe vorbeikommen. Nach etwa einer Stunde hatten wir das Problem gelöst. In der Zwischenzeit genossen wir die Aussicht auf den Monte Bianco. Die Abfahrt war nicht sehr steil und der Belag erinnerte mich an eine Waschrumpel, aber dafür war die Straße sehr breit ausgebaut und es war wenig Verkehr. Wir erreichten den tiefsten Punkt nach Seez und wandten uns Richtung Val d’Isere. Schon bald begann die nächste Steigung. Da die Lebensmittelvorräte zur Neige gingen und der Hunger sich indirekt proportional dazu verhielt, beschlossen wir, bei der nächstbesten Möglichkeit für Nachschub zu sorgen. Dies gelang uns aber nicht vor Val d’Isere, da wir davor nur durch einige sehr kleine Nester fuhren. Bis dorthin hatten wir 950 Höhenmeter zu bewältigen, wobei die 10 Tunnels der einzige Schutz vor der Nachmittagshitze waren. In Val d’Isere besuchten wir eine Bank, einen Supermarkt und eine Pizzeria. Da uns der Ort so gut gefiel, trafen wir die Entscheidung trotz der fortgeschrittenen Tageszeit noch am gleichen Tag über den Col de l’Iseran zu fahren. Um 18.30 brachen wir auf. Es passierte im Laufe der Reise öfters, daß wir Pässe unter Ausnutzung des letzten Tageslichts hinter uns brachten. Das hat den Vorteil, daß der tagsüber meist beträchtliche Touristenverkehr fast nicht mehr vorhanden ist. Besonders die Abfahrten werden dadurch attraktiver. Wenn die Kehren weit genug einsehbar sind und man sicher ist, daß kein Gegenverkehr kommt, hat man die gesamte Straßenbreite für sich und kann entsprechend schneller fahren. Der Nachteil dabei ist, daß man im Falle einer Panne in die Dunkelheit gerät, was im Hochgebirge nicht unbedingt angenehm ist. Pannen blieben uns jedoch weitgehend erspart. Kurz nach 20 Uhr erreichten wir fast gleichzeitig bei leichtem Regen die Paßhöhe. Auf der anderen Seite tobte ein Gewitter. Nach kurzer Beratung entschieden wir uns, in einer gemauerten Unterstandshütte unweit der Straße zu übernachten. Die Inschrift über der Tür besagte, wie ich später erfuhr, ungefähr: Ich diene als Unterstand, nicht als Mistkübel. Der Inhalt der Hütte besagte das Gegenteil. Wir beförderten den Müll in eine Ecke. Die eingeschlagene Scheibe des kleinen Fensters ersetzten wir durch Nylonsäcke, die ebenso wie Isolierband nie im Gepäck fehlen dürfen. Die Tür ließ sich nach Abschrauben des Schlosses auch schließen. Der Boden war betoniert und trocken. Hier machten sich die Unterlagsmatten bezahlt. Die einzige bleibende Unannehmlichkeit war ein ausgeprägter Fäkaliengeruch. Wir übertönten ihn mit meinem Anti-Mücken-Mittel, das bezeichnenderweise auf den Namen Djungel-Deo hörte. Ich verteilte etwas davon über den Müllhaufen im Eck. Für eine Übernachtung auf 2770 m Seehöhe war es eigentlich ganz komfortabel.

Distanz: 92 km

Orsieres – Pre St. Didier

12. August 1993

grosser st bernhard

Der Große St. Bernhard ist einer der Pässe, wie ich sie nicht besonders gern habe. Bei Steigungen über 10% weiß ich wenigstens woran ich bin und kann den Höhenunterschied in kurzer Zeit bewältigen. Der Anstieg bis zum Nordportal des Mauttunnels war aber sehr lang und entsprechend flach. Der lange, unbeleuchtete Tunnel vor Bourg St. Pierre trug ebensowenig zur Hebung meiner Laune bei wie die noch längere, kalte und zugige Galerie direkt vor der Einfahrt zum Scheiteltunnel. Erst oberhalb des Tunnels erreichte die Steigung 11%. Der Verkehr war stärker als erwartet, es fuhren doch nicht alle Autos durch den 5.8 km langen Mauttunnel. Aber wenigstens das Wetter ließ nichts zu wünschen übrig. Nachdem alle auf der Paßhöhe eingelangt waren, gingen wir ein Stück höher und hielten in der Sonne ausgiebig Mittagspause. Es dürfte sich hier um den Pflichtpaß für Hundebesitzer handeln. Scheinbar muß jeder mit seinem Dackel oder sonstigem kleinen Hund wenigstens einmal auf diesem Berg gewesen sein. Es wurden aber trotzdem keine Bernhardiner daraus. Touristen und Pseudobergsteiger gab es in rauhen Mengen. Unsere letzten Franken investierten wir in Ansichtskarten. Bei der Herstellung der obligaten Paßfotos fiel uns zum ersten Mal auf, daß 8114 Fuß eigentlich viel imposanter klingt als 2473 m. Kurz nach der Paßhöhe passierten wir die Grenze zu Italien. Die Abfahrt war gut ausgebaut. Auf den letzten Kilometern vor Aosta hatten wir starken Gegenwind. Das erfreute mich insofern, als ich wußte, daß wir nun im Aostatal Rückenwind haben mußten. Die einzige bleibende Erinnerung an dieses Tal ist der sehr starke Verkehr, der von Aosta durch den Mont-Blanc-Tunnel nach Chamonix strömt. Besonders auffällig war der hohe LKW-Anteil. In Pre-St.-Didier verließen wir die Transitroute und zweigten zum Kleinen St. Bernhard ab. Für den Besuch einer Pizzeria reichte unser Lirevorrat gerade noch. Wenige Kilometer danach errichteten wir unser Nachtlager auf einem Hügel mit lichtem Wald.

Distanz: 98 km

Oberwald – Orsieres

11. August 1993

kornspeicher

Morgens war es ziemlich kühl, wir waren ja auch noch auf einer Höhe von 1700 Metern. Wir fuhren ein Stück abwärts und frühstückten in der Sonne. Verglichen mit den letzten und den folgenden Tagen war dieser trotz der 140 km fast ein Ruhetag. Wir fuhren das Rhonetal flußabwärts. Die mittlere Geschwindigkeit lag zum ersten Mal seit langem wieder über 25 km/h. Bei Riddes machten wir nachmittags eine größere Pause. Bis Martigny hatten wir starken Gegenwind, dem wir mit Windschattenfahren begegneten. Um am nächsten Tag nicht die gesamte Steigung auf den Großen St. Bernhard mit 2000 Höhenmetern auf einmal bewältigen zu müssen, fuhren wir noch bis kurz vor Orsieres, wobei uns ein Radfahrer aus Deutschland Gesellschaft leistete. Wir nächtigten in einer von der Straße nicht einsehbaren Wiese in der Nähe einer Brücke, unter die wir uns bei Regen zurückziehen hätten können. In dieser Nacht durchquerte die Erde einen von den Medien verkündeten Meteoritengürtel. Wir sahen zwar etwas mehr Sternschnuppen als gewöhnlich, spektakulär war es aber nicht.

Distanz: 141 km

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