Naturns – Santa Maria

Am nächsten Morgen erwartete uns ein Stau in Naturns. Bei einer Tankstelle, wo wir Trinkwasser nachfüllten, machte man uns darauf aufmerksam, dass auf der anderen Seite des Flusses ein Radweg nach Schlanders existiere. Wir versuchten diesen zu finden, stießen auch bald auf Radwegbeschilderungen und befanden uns nach kurzer Zeit in einer Sackgasse. Es blieb uns nichts übrig, als wieder zurück zur Hauptstraße zu fahren. Bis auf weiteres verzichteten wir auf Radwegsuchmanöver. Ein Tunnel mit Radfahrverbot trieb uns jedoch wieder weg von der stark befahrenen Straße, und rein zufällig stießen wir doch noch auf den richtigen Radweg. Er führte mitten durch Obstplantagen und wurde wie diese von Sprenkelanlagen beregnet.

So gelangten wir nach Schlanders, von wo uns eine breite Straße mit mäßigem Verkehrsaufkommen und einigen kleinen Steigungen nach Spondinig geleitete. Dort zweigten wir Richtung Stilfser Joch ab und beschlossen kurz danach, in die nächstbeste Pizzeria einzukehren. Nun ist es aber so, dass viele Lokale in Italien erst nachmittags öffnen. Es gibt auch Herbergen in denen man nur abendessen, übernachten und frühstücken kann. Jedenfalls fanden wir bis zum Beginn der Steigung keine Lokalität, die uns ein Mittagessen bieten hätte können. So blieb uns nichts anderes übrig, als die ersten 400 Höhenmeter bis Gomagoi gleich hinter uns zu bringen. Das Gasthaus, in das wir dort einkehrten, entpuppte sich als Nobelrestaurant, was uns aber auch nicht mehr abschrecken konnte. So löste sich das Problem, was wir mit unseren restlichen Lirescheinen anfangen sollten, von selbst. Das Essen war vorzüglich.

In Gomagoi kauften wir noch Proviant und Ansichtskarten, als es zu regnen begann. Die Heftigkeit des Regens nahm uns die Lust gleich weiterzufahren. So vertrieben wir uns die Zeit mit Karten schreiben und wieder einmal essen. Es ist wirklich erstaunlich, was man alles futtern kann, oder eigentlich muss, wenn man täglich rund hundert Kilometer mit ein- bis zweitausend Höhenmetern zurücklegt. Nach ungefähr einer Stunde ließ der Regen nach und versiegte bald gänzlich. So nahmen wir die restlichen 1500 Höhenmeter unter die Räder. Die Stilfser-Joch-Straße ist eine der schönsten Alpenstraßen überhaupt. Es ist fast unglaublich, dass sie schon vor über 170 Jahren angelegt wurde. Seit damals wurde an der Trasse kaum etwas geändert. Auf halber Höhe hatten wir einen wunderbaren Ausblick auf das imposante Felsmassiv des Ortlers. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir die Passhöhe.

So schön die Auffahrt war, so hässlich war es oben. Souvenir- und Kitschverkäufer dominierten das Bild. Mit 2758 m Seehöhe war das Stilfser Joch der dritthöchste Pass unserer Tour. Wir fuhren nicht nach Bormio, sondern zweigten nach wenigen Kilometern Abfahrt in die Schweiz ab. Die italienischen Zöllner winkten uns einfach durch. Nach einer Steigung von nur wenigen Metern befanden wir uns auf dem Umbrailpass, der die Grenze zur Schweiz bildet. Zollbeamte dürfte es hier keine mehr geben. Auf einem Schild konnten wir lesen: Grenzübertritt mit Ausweis von 6 bis 20 Uhr gestattet. Übertritt nach 20 Uhr verboten. Glücklicherweise war es noch nicht 20 Uhr. Ein längeres Stück der Abfahrt nach Santa Maria war nicht asphaltiert, es war aber trotzdem gut befahrbar. Der Belag machte uns weniger Probleme als die auf der Straße stehenden Kühe. Da wir an diesem Abend besonders müde waren und das Wetter auch keinen stabilen Eindruck machte, begaben wir uns in die Jugendherberge.

Distanz: 85 km