Santa Maria – Bonaduz

Wir nutzten die nicht mehr gewohnte Infrastruktur der Herberge ausgiebig und brachen am folgenden Tag erst sehr spät auf. Es war fast Mittag. Die Steigung zum Ofenpaß begann sofort, es gab aber auch wieder flachere Zwischenstücke. Etwa drei Kilometer unterhalb der Paßhöhe begann es zu regnen. Wir benötigten rund eineinhalb Stunden für die knapp 800 Höhenmeter. Oben warteten wir das Ende des Regenschauers ab und plauderten mit einem deutschen Rennradfahrer. Das Wetter besserte sich wieder und wir kamen trocken nach Zernez. Dort beschlossen wir nach eingehender Beratung, uns zu trennen. Karli wollte ein paar Pässe auslassen, Alex benötigte eine Pause und Christian eine Werkstatt um seine Speichenbrüche (natürlich auf der Zahnkranzseite) zu beseitigen.

Wir vereinbarten, einander am Abend des nächsten Tages in Gletsch beim Bahnhof zu treffen. Während meine Kollegen mit der Bahn bis dorthin fuhren, wollte ich mir die Pässe nicht entgehen lassen. Die Bahnstrecke war zwar sehr reizvoll, wie ich nicht nur nachher aus den Schilderungen erfuhr, sondern selbst sehen konnte, da die Straße und die Schienen teilweise parallel verliefen, aber wie es sich für die Schweiz gehört, auch einigermaßen teuer. Das muß einem dann schon 80 Franken wert sein, knapp zweihundert Kilometer mit der Eisenbahn zu fahren, dafür überquert man mit dem Oberalppaß aber immerhin einen Zweitausender. Die nächsten zwanzig Kilometer ging es recht gemütlich das Engadin aufwärts. In Chamues-ch nahm ich die Abzweigung zum Albulapaß.

Ursprünglich hatte ich ja überlegt über den Flüelapaß zu fahren, aber Wolfgang, der vor einigen Jahren die Schweiz befahren hatte, riet mir noch daheim, lieber den Albulapaß zu nehmen. Ich konnte jetzt feststellen, daß das ein weiser Rat war. Eine relativ schmale, wenig befahrene Straße mit wechselnder Steigung windet sich durch die sehenswerte Landschaft. Almwiesen wechseln mit Wäldern. Beim Zurückschauen hat man einen schönen Ausblick auf Chamues-ch. Der Albulapaß blieb mir als einer der landschaftlich schönsten der gesamten Tour in Erinnerung. Auf halber Höhe machte ich eine längere Pause um zu essen und zu fotografieren. Auf der Paßhöhe empfing mich ein eisiger Wind. So erledigte ich nur das nötigste und machte mich an die Abfahrt. Auch auf der anderen Seite war die Landschaft bezaubernd, leider sah ich nicht viel davon, da ich mich auf die Straße konzentrieren mußte. Die Müdigkeit vom Vortag machte mir noch etwas zu schaffen. Da traf es sich gut, daß mir der Albulapaß nach einer Auffahrt mit 600 Höhenmetern eine Abfahrt mit 1400 Metern Höhenunterschied bis Tiefencastel bieten konnte. In einem Wald zwischen Bonaduz und Versam fand ich einen einsamen Platz zum Übernachten.

Distanz: 126 km