Bonaduz – Oberwald

Mit einer unerwarteten Steigung begann die folgende Etappe. Bei Versam ist das Vorderrheintal so eng, daß in der Talsohle außer dem Rhein nur mehr die Eisenbahn Platz hat. Die Straße muß ein gutes Stück die Talflanke hinaufklettern. Das mußte ich daher auch. Dafür wurde ich mit einem wunderschönen Ausblick hinunter ins Rheintal belohnt. Nach einem Einkauf und dem Frühstück ging es wieder hinunter zum Fluß. Die folgenden rund dreißig Kilometer kämpfte ich mit Motivationsproblemen. Irgendwie machte es an dem Tag überhaupt keinen Spaß radzufahren. Ich dachte schon daran, auch einen Teil der Strecke mit dem Zug zu fahren, da ich ja versprochen hatte, abends in Gletsch zu sein. Kurz vor Disentis/Muster machte ich erst einmal Mittagspause.

Der Champignon-Curry-Reis lieferte mir die fehlende Energie und langsam kam die Motivation wieder zurück. Bei Beginn der Steigung auf den Oberalppaß war sie vollends wieder da. Daran konnte auch der einsetzende Nieselregen nichts mehr ändern. Er gab es auch bald wieder auf, es zu versuchen. In Disentis traf ich zwei andere Reiseradler. Sie kamen aus Berlin und wollten mit dem Rad von München bis in die Pyrenäen fahren. Nach Plaudern, Essen und Trinken nahmen wir die Steigung in Angriff. Wir begegneten uns noch zweimal vor der Paßhöhe. Etwa drei Kilometer vor dem höchsten Punkt begann es zu regnen. Da es nichts gab, wo ich mich unterstellen hätte können, fuhr ich nach Anlegen der Goretex-Jacke weiter. Oben angelangt sah ich zunächst die Eisenbahnschienen, rätselte aber erst viel später, was denn die Bahn hier auf 2044 m Seehöhe zu suchen hat. Ich suchte und fand einen trockenen Ort, füllte Energie und Wasser nach und zog warme Kleidung sowie das Regengewand an.

Es sah nicht so aus, als ob der Regen in absehbarer Zeit wieder aufhören würde. Daher fuhr ich nach kurzer Pause weiter. Unten in Andermatt warf ich den Gedanken, in den Zug zu steigen, endgültig über Bord und entschloß mich, den Furkapaß auch noch mitzunehmen. Der Regen ließ nach. Von der Schönheit der Gegend und vom Rhonegletscher sah ich aber praktisch nichts, da ab halber Höhe dichter Nebel herrschte. Die Steigung kam mir endlos vor. Erschöpft erreichte ich die Paßhöhe. Es war empfindlich kalt und der Regen hatte auch längst wieder eingesetzt. Genau zu der Zeit, die als Treffpunkt im Tal vereinbart war, begann ich die Abfahrt. Die 700 Höhenmeter bis Gletsch brachte ich schnell hinter mich. Gletsch bestand nur aus wenigen Häusern. Was es hier auffallend nicht gab, war ein Bahnhof.

Zum Glück sah ich eine Einheimische auf der Straße und erfuhr von ihr, daß die Furka-Oberalp-Bahn im nächsten Dorf, Oberwald, aus dem Tunnel herauskommt. Als ich mich dem Bahnhof näherte, kam mir Christian bereits aus dem Stationsrestaurant entgegen. Dank des Goretex-Übergewandes war ich zwar am Körper einigermaßen trocken, die Hände und Füße waren aber fast gefühllos. Ich wechselte die Socken und die Schuhe und wärmte mich mit einem Tee und einer Gulaschsuppe. Ungefähr eine halbe Stunde war ich zu spät gekommen, aber es hatte ohnehin niemand damit gerechnet, daß ich es bei dem Wetter pünktlich schaffen würde. Wir hatten einander einiges zu erzählen. Als die Dunkelheit hereinbrach, machten wir uns auf den Weg zu unserem ungewöhnlichen Schlafplatz. Unweit des Bahnhofes waren zukünftige Gasrohre mit einem Durchmesser von rund siebzig Zentimetern gestapelt. Es war nur ein Haus in der Nähe, welches nicht bewohnt war. Die Rohre waren gerade groß genug, um gemütlich drin schlafen zu können. Trotz Regens in der Nacht blieben wir trocken. Beim Zurechtrücken schlitzte ich meine Therm-a-rest Unterlagsmatte an einem kleinen, scharfkantigen Stein, konnte sie aber am nächsten Tag mit dem Radflickzeug wieder reparieren.

Distanz: 120 km


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