Pre St. Didier – Col de l’Iseran

Der Kleine St. Bernhard Paß war bald erklommen. Oben gab es einige Verwirrung über den Treffpunkt. Es war üblich, daß wir auf der jeweiligen Paßhöhe aufeinander warteten. In diesem Fall war der höchste Punkt jedoch nicht eindeutig zu eruieren. Auf der italienischen Seite gab es eine Tafel mit der Aufschrift Piccolo San Bernardo 2188 m, die ich jedoch übersehen hatte. Daher fuhr ich über die Grenze nach Frankreich und wartete bei der Tafel Col du Petit-St.Bernard, Altitude 2188. Alex und Christian trafen bald bei mir ein. Karli ließ sich aber nicht blicken. Er wartete auf der italienischen Seite und dachte, wir wären vielleicht zum nahen Bergsee abgezweigt oder Ansichtskarten kaufen gegangen und mußten ja irgendwann bei der Paßhöhe vorbeikommen. Nach etwa einer Stunde hatten wir das Problem gelöst. In der Zwischenzeit genossen wir die Aussicht auf den Monte Bianco bzw. Mont Blanc.

Die Abfahrt war nicht sehr steil und der Belag erinnerte mich an eine Waschrumpel, aber dafür war die Straße sehr breit ausgebaut und es war wenig Verkehr. Wir erreichten den tiefsten Punkt nach Seez und wandten uns Richtung Val d’Isere. Schon bald begann die nächste Steigung. Da die Lebensmittelvorräte zur Neige gingen und der Hunger sich indirekt proportional dazu verhielt, beschlossen wir, bei der nächstbesten Möglichkeit für Nachschub zu sorgen. Dies gelang uns aber nicht vor Val d’Isere, da wir davor nur durch einige sehr kleine Nester fuhren. Bis dorthin hatten wir 950 Höhenmeter zu bewältigen, wobei die 10 Tunnels der einzige Schutz vor der Nachmittagshitze waren. In Val d’Isere besuchten wir eine Bank, einen Supermarkt und eine Pizzeria. Da uns der Ort so gut gefiel, trafen wir die Entscheidung trotz der fortgeschrittenen Tageszeit noch am gleichen Tag über den Col de l’Iseran zu fahren. Um 18.30 brachen wir auf.

Es passierte im Laufe der Reise öfters, daß wir Pässe unter Ausnutzung des letzten Tageslichts hinter uns brachten. Das hat den Vorteil, daß der tagsüber meist beträchtliche Touristenverkehr fast nicht mehr vorhanden ist. Besonders die Abfahrten werden dadurch attraktiver. Wenn die Kehren weit genug einsehbar sind und man sicher ist, daß kein Gegenverkehr kommt, hat man die gesamte Straßenbreite für sich und kann entsprechend schneller fahren. Der Nachteil dabei ist, daß man im Falle einer Panne in die Dunkelheit gerät, was im Hochgebirge nicht unbedingt angenehm ist. Pannen blieben uns jedoch weitgehend erspart. Kurz nach 20 Uhr erreichten wir fast gleichzeitig bei leichtem Regen die Paßhöhe. Auf der anderen Seite tobte ein Gewitter. Nach kurzer Beratung entschieden wir uns, in einer gemauerten Unterstandshütte unweit der Straße zu übernachten.

Die Inschrift über der Tür besagte, wie ich später erfuhr, ungefähr: Ich diene als Unterstand, nicht als Mistkübel. Der Inhalt der Hütte besagte das Gegenteil. Wir beförderten den Müll in eine Ecke. Die eingeschlagene Scheibe des kleinen Fensters ersetzten wir durch Nylonsäcke, die ebenso wie Isolierband nie im Gepäck fehlen dürfen. Die Tür ließ sich nach Abschrauben des Schlosses auch schließen. Der Boden war betoniert und trocken. Hier machten sich die Unterlagsmatten bezahlt. Die einzige bleibende Unannehmlichkeit war ein ausgeprägter Fäkaliengeruch. Wir übertönten ihn mit meinem Anti-Mücken-Mittel, das bezeichnenderweise auf den Namen Djungel-Deo hörte. Ich verteilte etwas davon über den Müllhaufen im Eck. Für eine Übernachtung auf 2770 m Seehöhe war es eigentlich ganz komfortabel.

Distanz: 92 km