Guillestre – Saint Martin du Var

Die Bank in Guillestre hatte ausnahmsweise am Montag, den 16.8. geschlossen. Ich gebe ja zu, daß sie nicht wissen konnten, daß wir ausgerechnet an dem Tag kommen würden. Nach dem Frühstück von einem Kilogramm Erdbeerjoghurt pro Person begannen wir die Auffahrt auf den Col de Vars. Unten war die Straße noch steil, wurde dann flacher bevor sie in eine Berg- und Talbahn überging um schließlich mit gegen Null tendierender Steigung das Erreichen der Paßhöhe scheinbar endlos hinauszuzögern. Wir waren gerade dabei unsere Pause zu beenden, als die beiden Deutschen den Scheitelpunkt erreichten. Vor der Abfahrt plauderten wir noch eine Weile. Der Straßenbelag des Col de Vars ist mir als schlimmster der gesamten Tour in Erinnerung geblieben. Die extremsten Buckel und Löcher in der Fahrbahn waren meist in nicht einsehbaren Kurven. So macht das Bergabfahren keinen Spaß mehr.

In einem schmalen Waldstück neben dem Ubaye kurz vor Jausiers machten wir Mittagspause. Ein letztes Mal kam der Esbitkocher zum Einsatz. In Jausiers beginnt sofort die Steigung auf den Col de Restefond. Dreiundzwanzig Kilometer trennten uns noch vom höchsten Punkt der Tour. Da es unser letzter Paß war, gingen Christian und ich die Sache recht flott an. Wir überholten bald den Züricher, später die beiden Deutschen. Während unserer Mittagspause hatten sie alle uns überholt. Die Steigung bewegte sich zunächst zwischen 8 und 10% und stieg dann bis 12%. Allmählich verengte sich das Tal. Je höher wir kamen, desto öder wurde die Gerölllandschaft. Die halbverfallenen Militärunterkünfte von Restefond hätten im Bedarfsfall als Notquartier dienen können. Die Steigung fiel vor dem Paß unter 8%. Da auf dem Col de Restefond überhaupt nichts los war (nicht einmal eine Tafel), begaben wir uns gleich auf die Schleife um den Geröllkegel des Bonette, den wir schon während der Anfahrt ausgiebig betrachten konnten.

Gegen 19 Uhr erreichten wir den mit 2802 m höchsten, für den allgemeinen Verkehr erreichbaren Paß der Alpen. Karli und Alex kamen rund eine halbe Stunde später. Sie waren einen Teil der Steigung gemeinsam mit unseren drei Bekannten gefahren, die es jedoch vorzogen den Col de la Bonette auszulassen und die Abfahrt nach Nizza gleich vom Restefond zu beginnen. So gab es kein gemeinsames Gipfelfoto mit ihnen. Wir ließen uns von einer Touristin vor dem Gedenkstein, der mich an den Hinkelstein von Obelix erinnerte, fotografieren. An der Leitplanke klebten einige Sticker von Rad- und Motorradvereinigungen. Da durfte natürlich auch der Aufkleber unseres lokalen Vereins nicht fehlen. Die kurze Wanderung zur Aussichtswarte namens Cime de la Bonette auf dem Gipfel des Schotterkegels ließen wir uns nicht entgehen. Wenn man von der Warte aus das Panorama betrachtet, hat man den Eindruck, höher zu stehen als alle Gipfel ringsherum. Die tiefstehende Sonne tauchte die gezackten Bergrücken in märchenhaftes Licht. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.

Mit der Abenddämmerung begannen wir die Abfahrt. Da die Straße wieder recht rumpelig war und die Sicht langsam schlechter wurde, benutzten wir die Bremsen häufiger als auf den letzten Pässen. Als wir St.-Etienne-de-Tinee erreichten, war es finster. Von dort an ging es weiter bergab, jedoch nicht so steil. Diese Tatsache führte gemeinsam mit dem aufkommenden Rückenwind und unserer Euphorie dazu, daß wir noch ungefähr 60 km bis Mitternacht fast ohne jegliche Anstrengung weiterfuhren. Paradoxerweise wurde dadurch die Etappe mit dem höchsten Alpenpaß die längste der Reise. Schade ist nur, daß wir von dem Tal nichts gesehen haben. Dieses war so eng, daß wir Probleme hatten, einen Schlafplatz zu finden. Je länger man einen solchen sucht, desto geringer werden die Ansprüche, die man daran stellt. Durch einen großen Felsblock war ein neuer Tunnel gebaut worden. Die alte Straße hatte den Felsen umfahren und wurde nicht mehr benutzt. Nachdem wir uns dieser Tatsache vergewissert hatten, schliefen wir auf der alten Straße, vor eventuell verirrten Autofahrern durch einen Haufen Schutt geschützt.

Distanz: 151 km


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